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20160921

#139


Goodbye.

annuschka 

DAS  •  LABYRINTH 

Schon immer hatte sich Joroska für Rätsel interessiert. Von klein auf hatte er mit Vorliebe Kreuzworträtsel und Denksportaufgaben gelöst, Geheimschriften entziffert, Labyrinthe erforscht und war jedem Mysterium auf die Schliche gekommen, das sich ihm geboten hatte. Mit mehr oder minderem Erfolg hatte er einen Großteil seines Lebens

und seiner Hirnkapazität der Lösung von Problemen gewidmet, die andere sich ausgedacht hatten. Natürlich war er nicht allwissend, es waren ihm immer wieder Rätsel untergekommen, die selbst für ihn zu kompliziert waren.
Fand er sich einem solchen gegenüber, hatte Joroska ein gewisses Ritual:
Er sah es lange an und stellte schließlich mit fachmännischem Blick fest, ob es sich tatsächlich um ein unlösbares Problem handelte. War es der Fall, holte Joroska tief Luft und machte sich nichtsdestotrotz an seine Lösung. 
Doch gleich darauf begann eine Phase der Frustration, und Joroska verbiß sich nur noch fester in die Rätselanalyse. Die Fragen schienen unlösbar, Sackgassen traten sich auf, manche Symbole führten in die Irre, unbekannte Begriffe und unabsehbare Komplikationen stellten sich ihm in den Weg.
Vor einiger Zeit hatte Joroska entdeckt, dass er gewisse Erfolgsergebnisse im Leben brauchte. War das der Grund, warum ihm die Rätsel inzwischen nicht mehr solche Freude bereiteten?
Schon nach dem ersten Versuch überkam ihn in der Regel eine tödliche Langeweile, und er ließ die Sache ruhen, um sich irgendwo in seinem Hinterstübchen über den idiotischen Schöpfer solcher Aufgaben zu mokieren, der sicherlich selbst mit der Lösung überfordert wäre. 

Aus der Tatsache, dass ihn die leichten Fälle schnell langweilten, folgerte er, dass Rätsel stets paßgenau auf ihre Rätsellöser zugeschnitten waren und nur sie selbst den richtigen Schwierigkeitsgrad für sich kannten

Im Idealfall schneiderte sich jeder sein Rätsel selbst auf den Leib, dachte er. Aber sofort wurde ihm klar, dass damit das Rätsel sein Geheimnis verlor, denn natürlich kannte jeder Erfinder zugleich auch die maßgeschneiderte Lösung für das Problem.
Ein bisschen aus Spieltrieb und ein bisschen vom Gedanken geleitet, Leuten zu helfen, die wie er Spaß am Rätselraten hatten, begann er Probleme zu erfinden, Wortspiele, Zahlenrätsel, logische Kniffelaufgaben und abstrakte Fragestellungen jedweder Art.

Sein Meisterstück aber war die Erfindung eines Labyrinths.
Eines ruhigen sonnigen Tages begann er in einem der Zimmer seiner riesigen Wohnung Wände hochzuziehen, und Stein um Stein errichtete er in naturgetreuem Maßstab ein riesiges Labyrinth.

Die Jahre vergingen. Seine Rätsel verbreitete er unter Freunden, in Fachzeitschriften und der ein oder anderen Tageszeitung. Das Labyrinth aber behielt er unter Verschluss: Es wuchs und wuchs innerhalb seines Hauses und veränderte sich ständig.
Joroska machte es von Mal zu Mal komplizierter, fast unmerklich baute er immer weitere Irrwege ein. Dieses Werk entwickelte sich zu seiner Lebensaufgabe. Es verging kein Tag, an dem Joroska nicht irgendein Ziegelstein hinzufügte, einen Ausgang vermauerte oder eine Kurve verlängerte, um den Parcours zu erschweren. 

Nach gut und gerne zwanzig Jahren nahm das Labyrinth das gesamte Zimmer ein  und hatte sich bereits unmerklich auf den Rest des Hauses ausgedehnt. Um vom Schlafzimmer ins Bad zu kommen, musste man acht Schritte geradeaus gehen, links abbiegen und nach sechs weiteren Schritten wieder rechts, dann drei  Stufen hinuntersteigen, wieder fünf Schritte geradeaus und noch mal rechts abbiegen, über ein Hindernis springen, und dann stand man vor der Tür.

Das ganze Haus verwandelte sich allmählich in ein Labyrinth im Maßstab eins zu eins.

Am Anfang war er sehr stolz auf sein Werk. Er vergnügte sich damit, die verschiedenen Gänge zu durchwandeln, die ihn immer wieder in die Irre führten, obschon er selbst sie entworfen hatte, denn es war einfach unmöglich geworden, all die Wege im Gedächtnis zu behalten.

Es war ein auf ihn zugeschnittenes Labyrinth.
Maßgeschneidert nur für ihn.
Irgendwann begann Joroska, sich Leute nach Hause, in sein Labyrinth einzuladen. Aber selbst die, die sich anfangs brennend dafür interessiert hatten, begannen sich, wie er selbst bei fremden Rätsel , innerhalb kürzester Zeit zu langweilen.
Er bot sich an, Hausführungen zu machen, aber häufig trat schon bald Aufbruchstimmung ein. Die Besucher waren sich meist einig:

 ,,So kann man doch nicht leben!''

Irgendwann hatte Joroska seine ewige Einsamkeit satt und zog um in ein Haus ohne Labyrinthe, wo er problemlos Gäste empfangen konnte.
Sobald er jedoch jemand kennenlernte, der ihm ein bisschen helle erschien, zeigte er ihm sein wahres Zuhause. Genau wie der Pilot im Kleinen Prinzen mit seiner geöffneten oder geschlossenen Riesenboa, öffnete Joroska sein Labyrinth denjenigen, die einer solchen Offenbarung würdig waren.

Aber nie fand Joroska jemanden, der bereit gewesen wäre, mit ihm dort zu leben.




dankeschön J.T.

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