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20170125

#146


M A R I U P ○ L I S               


Die fettige slawische Salamistange riecht selbst durch die Alufolie noch hindurch. Der Gestank schafft es, sich gegen das elastische Metall durchzusetzen und ihre Geruchszellen allmählich aber intensiv zu begrüßen. Auch der Geruch gekochter Eierschalen schaffte es. Der Raum ist klein. Sie 14 und wunderlich verwundert, dass einem Menschen tatsächlich vier Quadratmeter zum Leben völlig genügen. Klappbett. Fensterluke. Klapptisch. Kaukasischer Teppich, eine silberne Untertasse, die  produziert wurde für Meister von Schlürfverfahren. Alles originale Überbleibsel der UdSSR. Päckchentee. Bei Bedarf problemlos in Kombination mit uralten Zitronen zauberhaft nachfüllbar. Von entweder gekünstelten Dauergrinsern oder grimmigen Anzugsfrauen. Unabhängig, welcher Geist dir den Tee einschenken wird, der Anzug sollte sitzen. Tat er aber nicht. Weil Bügelfalten und Stirnfalten umherschwirren. Sie hat keinen Bedarf. Eigenlich nie. Heißgetränke sind zu heiß. Und sie hasst Zungen- oder Lippenverbrennungen wie den Krieg. Beim Nippen. Schweißperlen aus allen körperlichen Öffnungen. Der Raum verwandelt minutiös sein Erscheinungsbild und wirkt wie die unbeständigste physische Masse ihrer Gegenwart. So unbeständig wie sie selbst. 
Es wird versucht, ein Salamistückchen in ihren Mund zu stopfen. Gegen ihren angeblichen Hunger anzukämpfen. Ein ,,nein danke''. Eine Verweigerung. Ein Protest. Ein kurzer Schlaf. Augen schließen und Räume zerfließen mit jedem überwundenen Dezimeter. Unzählbare bevorstehende Kilometer überwinden. Eine periodische Aneinanderreihung von vier Quadratmeter-Räumen, welche getrennt werden durch zunächst hauchzarte unbeständige Wände und irgendwann durch Stahlwaggons, die einst nicht Menschen, sondern Schwarzkohle transportierten oder in Bälde transportieren werden. Was macht es für einen Unterschied, was oder wer in diesem Coupé einst steckte ? Dreck gemacht von Menschen oder eben schwarzen Objekten. Nahezu derselbe. Nahezu.
Augenaufschlag. Sie erlaubt der Außenwelt, in ihr Inneres zu dringen, da der Schlaf vorbei ist. Ein letztes Ei wird penibel mit Fingern von Schalen befreit. Ihre Augen sind nun gänzlich offen. Ihre Seele ebenso. Und keine Schale. 
Und keine Schale mehr übrig. Schalenfrei. Frei. Ei ei.


von Anna Evgenevna Zhukovets






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